Barrierefreiheit nicht mitgedacht

Barrierefreiheit wird oft nicht mitgedacht

Einführungsreferat zum iBoB-Partnertreffen im Mai 2017 von Ursula Weber, 1. Vorsitzende des DVBS

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kooperationspartner und Partnerinnen, liebes iBoB-Team,

ich freue mich Sie heute zu unserem ersten Kooperationspartnerworkshop unseres Projekts „iBoB – inklusive Bildung ohne Barrieren“ begrüßen zu dürfen. Der DVBS hat es sich zur Aufgabe gemacht, blinde und sehbehinderte Menschen in Ausbildung, Studium und Beruf umfassend zu unterstützen. Darin haben wir langjährige Erfahrung. Doch Ausbildung und Arbeitsaufnahme stellen nur erste Schritte dar, um am Arbeitsmarkt bestehen zu können. Lebenslanges Lernen wird von allen Berufstätigen gefordert und stellt aber insbesondere behinderte Menschen häufig vor große Herausforderungen. Im Gegensatz zu nicht behinderten Beschäftigten stellen sich ihnen zusätzlich viele Fragen, deren Beantwortung häufig auf beiden Seiten große Unwissenheit und Unsicherheit begleiten.

  • Welche Weiterbildungsangebote sind für den angestrebten Karrierepfad zweckmäßig?
  • Diese Frage muss sich noch jeder Berufstätige stellen.
  • Sind die regulär angebotenen Bildungsangebote zielführend?
  • Ab hier kommt die Barrierefreiheit in Spiel.
  • Können die Inhalte ausreichend wahrgenommen werden?
  • Wie sind die Kursmaterialien aufbereitet?
  • Wie wird die Prüfung ablaufen?
  • Wo gibt es bzw. welche barrierefreie Alternativen existieren?
  • Welche Unterstützungsmöglichkeiten für Weiterbildungen und Prüfungen gibt es und
  • Wie können sie genutzt werden?
  • Noch eine allgemeine, doch ganz wichtige Frage: Wie kann die gleichberechtigte Teilnahme an Weiterbildungsangeboten um- und durchgesetzt werden?

Viele Fragen – und das waren nur einige – sind mit der Teilhabe blinder und sehbehinderter Arbeitnehmer an Weiterbildung verbunden. Und angesichts des sich rasant wandelnden Arbeitsmarktes und den damit verbundenen neuen und veränderten Anforderungen an die Beschäftigten gewinnt dieser Themenbereich zunehmend an Bedeutung.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im Jahr 2015 den Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ gestartet, um zu erörtern, welche Gestaltungsmöglichkeiten es vor dem Hintergrund des technologischen und kulturellen Wandels für die Zukunft der Arbeit gibt.

Die zunehmende Digitalisierung verändert die Arbeitswelt in hoher Geschwindigkeit. Arbeitsprozesse werden digitalisiert, andere automatisiert, ganze Arbeitsfelder verschwinden, andere werden neu geschaffen. Damit sind für alle Arbeitnehmer Chancen und Risiken verbunden, die je nach Branche und persönlicher Qualifikation variieren.

Für blinde und sehbehinderte Berufstätige trifft dies umso mehr zu, da Barrierefreiheit noch immer nicht umfassend mitgedacht wird. Wie für alle werden sich auch die Beschäftigungsmöglichkeiten von und für sie verändern. Es ist allerdings davon auszugehen, dass geringer qualifizierte Personengruppen von den Risiken mit hoher Wahrscheinlichkeit schwerer betroffen sein werden als hochqualifizierte und Nischen werden zunehmend wegfallen.

Der Megatrend Digitalisierung (Verwaltung 2.0 bzw. Industrie 4.0, e-Government, e-Health, e-Commerce) sorgt durch erhebliche Änderungen von Stellenanforderungen bzw. den Wegfall von ganzen Stellen zunehmend für Anpassungen der Stellenprofile an die aktuellen Bedarfe. Derartige Anpassungen könnten durch Weiterbildung zur Verbesserung der Qualifizierung führen und eine Chance für Alle darstellen, wenn die Digitalisierung mit einem Abbau von Barrieren einhergeht. Jedoch, die verstärkte Nutzung digitaler Medien wie der Einsatz von Tablets einschließlich spezieller Apps oder Bereitstellung plattformgestützter Dienste, Umgestaltung der Kollaboration zwischen den Beschäftigten innerhalb einer Organisation wie Projekttreffen via WebEx oder die Vermittlung und Bearbeitung von Dokumenten als e-Akte, sowie Veränderungen der Arbeitsorganisation, beispielsweise durch arbeitsgetriebene flexible Zusammenstellung von Teams oder virtuelle Abteilungen, führen zur Anpassung der Weiterbildungsangebote durch Fortschreibung bisheriger Vermittlungsprozesse. Anforderungen blinder und sehbehinderter Berufstätiger an diese Weiterbildungsangebote finden dabei jedoch kaum Berücksichtigung. Weder bei der barrierefreien Gestaltung der elektronischen Inhalte, bei den Vermittlung mittels moderner Informationstechnik noch im Rahmen der Zertifizierung durch elektronische Prüfungen.

Dies sind die Herausforderungen, die das Projekt iBoB aufgreift und für die das Projekt Lösungsansätze entwickeln möchte und wird.

Im Projektantrag heißt es:

Das Modellprojekt iBoB hat die Zielsetzung, blinde und sehbehinderte Berufstätige mittels der Schaffung einer webbasierten barrierefreien Informationsplattform besser als bisher in die Lage zu versetzen, mit der fortschreitenden Digitalisierung des Berufslebens Schritt zu halten. Auf diesem Wege sollen Betroffene durch die Sicherung ihrer Teilhabe an berufsrelevanten Weiterbildungsangeboten zugleich in die Lage versetzt werden, dem rasanten Wandel in der Arbeitswelt gewachsen zu sein und drohender Ausgrenzung vorzubeugen.

In diesem Kontext sollen insbesondere die folgenden vier Arbeitsschwerpunkte realisiert werden:

  • Den Prototyp einer barrierefreien Weiterbildungsplattform im Internet zu entwickeln, zu erproben und dort nachhaltig zu verankern.
  • Eine, auf Bedarfs- und Angebotsanalyse basierende, adressatengerechte Angebotspalette zur berufsfachlichen Weiterbildung zur Verfügung zu stellen.
  • Einen Service zur zeitnahen Herstellung barrierefreier Teilnehmerunterlagen sowie zur Anpassung von methodisch-didaktischen Konzepten der Bildungsanbieter bereit zu stellen.
  • Eine Weiterbildungsberatung sowohl für blinde und sehbehinderte Arbeitnehmer/innen – als Peer-to-Peer Beratung – als auch für Unternehmen sowie relevante Akteure und Organisationen anzubieten.

Den Sachstand des Projekts, erste Ergebnisse und Fragestellungen möchten wir Ihnen heute vorstellen und mit Ihnen diskutieren.

Ergänzt wird unser Vorhaben durch das Projekt AKTILA, Aktivierung und Integration langzeitarbeitsloser blinder und sehbehinderter Menschen, ein Projekt des BFW Würzburgs, über dessen Sachstand wir heute noch einen kurzen Einblick erhalten. Schnittpunkt ist insbesondere der Auf- und Ausbau eines Mentoring Netzwerks zur Unterstützung unserer Zielgruppe auf ihrem Weg zur erfolgreichen Teilhabe am Arbeitsmarkt.

Ohne Sie als Kooperationspartner wäre die Beantragung für dieses wichtige Projekt sicher nicht so erfolgreich gewesen und wir möchten uns an dieser Stelle für Ihre Unterstützung im Kontext der Beantragung noch einmal herzlich bedanken. Nun gilt es, Formen und Inhalte der Kooperation festzulegen und hierzu soll der heutige Workshop dienen.

Ich wünsche uns einen konstruktiven und anregenden Austausch heute.

Vielen Dank.